Drei Monate bis zur Räumung

Es ist ein warmer Sommertag Ende Juli östlich von Marburg. Rund 25 größtenteils vermummte Menschen richten drei große Baumstämme auf, die an der Spitze zusammengebunden sind. An jedem Baumstamm stehen mindestens drei Personen, um ihn in das vorgesehene Loch im Waldweg zu bringen. Zehn Personen ziehen die Konstruktion über einen Flaschenzug nach oben. Andere sichern sie mit einem Seil gegen das Umfallen. Mehr als eine halbe Stunde dauert es, bis der sogenannte Tripod steht und den Weg im Dannenröder Forst für Fahrzeuge versperrt. Eine Person klettert geübt am Seil in der Mitte rund acht Meter nach oben – die Konstruktion hält. Der schweißtreibende Aufbau des Tripods ist Teil der Vorbereitungen für die Zeit der Räumung, die hier quasi vor der Tür steht.

Im September 2019 hatten Aktivist:innen begonnen, den Wald zwischen Dannenrod und Stadtallendorf zu besetzen und Baumhäuser zu bauen. Ganz nach dem Vorbild im Hambacher Wald kämpfen die Besetzer:innen gegen Klimawandel – und gegen den Kapitalismus. Hier geht es aber nicht um einen Braunkohletagebau, der den Wald bedroht, sondern um die Erweiterung der Autobahn A49.

Die geplante Autobahn

Bislang endet die A49 südlich von Kassel in Neuental. Von dort soll sie als Bestandteil des transeuropäischen Verkehrswegenetzes bis 2024 zur A5 am Ohmtal-Dreieck verlängert werden. In Vertretung des Bundes wurde vom Bundesland Hessen die „Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH“ kurz DEGES mit der Realisierung des Neubaus in zwei Bauabschnitten beauftragt. Ziel der Autobahnverlängerung ist es laut DEGES, Kapazitätsengpässe auf der A5 und A7 zu mindern, die regionale Wirtschaftsstruktur durch Erschließung der Region zu verbessern und die Wirtschaftsräume Kassel und Gießen direkt zu verbinden. Der geplante südliche Bauabschnitt von der Anschlussstelle Stadtallendorf-Nord bis zum Ohmtal-Dreieck führt allerdings durch eben dieses jetzt besetzte Waldgebiet, das sich in einem Wasserschutzgebiet befindet. Verschiedene Umweltverbände hatte dagegen geklagt – erfolglos. Ab Oktober 2020 plant die DEGES mit den erforderlichen Rodungsarbeiten für den Bau zu beginnen.

Die Besetzer:innen finden es falsch, in einer globalen ökologischen Krise Bäume abzuholzen, die CO2 binden, um eine Autobahn durch ein Wasserschutzgebiet zu bauen, auf der vor allem klimaschädliche Fahrzeuge fahren. Die Aktivist:innen schreiben auf ihrer Webseite außerdem, dass sie nicht glauben, dass sich die Klimakrise im Kapitalismus lösen lässt, sondern dieser dafür überwunden werden müsse. „Wir brauchen keine neuen Autobahnen, sondern sinnvolle Antworten auf die ökologische Krise! […] Deswegen sagen wir: Systemwandel statt Klimawandel! Für ein Wirtschaftssystem, das statt Wachstum und Profitstreben die Bedürfnisse aller Lebewesen sowie ökologische Kreisläufe in den Mittelpunkt stellt!“

Das Aktionsbündnis "Keine A49", zu dem auch BUND und NABU gehören, ist bereits seit Jahren gegen die Autobahn aktiv und begrüßt den Einsatz der Besetzer:innen. Neben dem Aktionsbündnis und den Besetzer:innen kämpfen auch Aktivist:innen von Fridays For Future, Extinction Rebellion und anderen Klima-Gruppen in der Region für den Erhalt des Dannenröder Forsts.

Auch Förster und Autor Peter Wohlleben spricht sich gegen den Ausbau der A49 durch den Dannenröder Forst aus. Er betont, dass Wälder als CO2-Speicher wichtig für das lokale Klima sind und hält die Rodung von 100 Hektar „wertvollen alten Waldes“ für den Bau einer Straße für falsch. Neben dem Dannenröder Forst liegen noch weitere Waldstücke auf der geplanten Route der Autobahn. Die Besetzer:innen sagen, es fehlt bisher die Kapazität alle Wälder auf der Strecke zu besetzen. Viel wichtiger ist es ihnen aber klar zu machen, dass es aus ihrer Sicht eine grundlegende Verkehrswende braucht und Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie die Trinkwasserversorgung zu schützen sind.

In der Bevölkerung trifft der Protest aber nicht nur auf Wohlwollen. Viele Anwohner:innen der B3 in der Region erhoffen sich eine Verkehrsentlastung durch die geplante Autobahn. In Stadtallendorf sind beispielsweise Ferrero, der Autozulieferer Fritz Winter und die Hoppe-Gruppe große Arbeitgeber, die von einer schnelleren Lieferung von Rohstoffen und Fertigprodukten durch die A49 profitieren würden.

Räumung und Rodung

Anfang Juli hatte die DEGES die Besetzer:innen aufgefordert die „widerrechtlich errichteten“ Baumhäuser zu räumen und die Besetzung zu beenden. Weiterhin forderte die DEGES „alle Gegner der A 49, die vorhaben, weiter gegen den Bau der A 49 und die notwendigen und genehmigten Baumfällungen zu protestieren, dies mit friedlichen Mitteln zu tun, jedwede Eskalation zu vermeiden und die Arbeiten vor Ort nicht zu behindern.“ Die Besetzer:innen hingegen haben nicht vor zu gehen und zählen auf Twitter schon die Tage bis zur Rodungssaison – und damit der wahrscheinlichen Räumung – herunter.

Im Wald entstehen täglich neue Strukturen: Tripods, Baumhäuser, Plattformen als Materiallager oder Gemeinschaftsflächen, Schaukeln und sogar eine Bühne wird gebaut. Entlang der gesamten geplanten Trasse durch den Wald, die durch weiß-bemalte Bäume markiert wurde, gibt es aktuell rund 30 Baumhäuser und Plattformen, teilweise in Form sogenannter Barrios, also kleiner Dörfer, teilweise einzeln. Einige Baumhäuser sind dabei in den Baumkronen, andere sind nur einige Meter über dem Boden und leicht mit einer Leiter zu erreichen. Ziel all dieser Aktionen ist es, die Räumung so kompliziert und langwierig wie möglich zu gestalten. Vieles erinnert an den Hambacher Forst und die Besetzung dort. Aber auch die Polizei ist vermehrt im Wald unterwegs und beobachtet die Entwicklungen. Ende Juli wurde Medienberichten zufolge auch Baumaterial von der Polizei mitgenommen. Um die Rodung durchsetzen zu können, wird es einen großen Polizeieinsatz zur Räumung der Besetzer:innen brauchen, denn freiwillig will hier niemand gehen.