Ohne Räumung gegen Erdgas

Zwischen dem stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel und einer Sonderabfallverbrennungsanlage stehen seit Freitagmorgen zwei Holzkonstruktionen. Diese sogenannten Tripods sind Teil der Besetzung von rund 20 Aktivist:innen. Aber weder das stillgelegte AKW noch die Verbrennungsanlage sind Grund für die Besetzung, auch wenn das die Themen der Workshops und Sprüche mancher Transparente mutmaßen lassen. Der Grund für die Besetzung: Auf der Wiese in Brunsbüttel soll das erste Flüssig-Erdgas-Terminal in Deutschland entstehen. Das AKW und die Sonderabfallverbrennungsanlage sind nur Teil des Industriegebiets, das in einer Pressemitteilung der IHK Schleswig-Holstein Anfang April als „attraktives wirtschaftliches Umfeld“ beschrieben wird.

Das Flüssig-Erdgas wird LNG genannt und als Brückentechnologie in der Energiewende vermarktet. So fördert das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) den Einsatz von LNG als „umweltfreundlicheren Treibstoff in der Schifffahrt“. Außerdem soll es nach Plänen der Erdgas-Wirtschaft in Zukunft als Kraftstoff für Busse und LKW, als Prozessgas in der Industrie oder zur Stromerzeugung genutzt werden.

Die Aktivist:innen der Aktionsgruppe „Erdgas – Brücke ins Nichts“ sehen das anders. Die Kritik: Das Flüssig-Erdgas enthält Methan, das zum Beispiel beim Transport in kleinen Mengen entweichen könnte und 25-mal klimaschädlicher ist als CO2. Außerdem wird das LNG aus der ganzen Welt importiert und dort häufig durch Fracking gewonnen. „Es ist verlogen, wenn die Jamaika-Koalition gegen Fracking in Schleswig-Holstein ist, aber gleichzeitig in Brunsbüttel ein Terminal baut, welches Fracking an anderen Orten der Welt fördert“, so die Besetzer:innen in einer Pressemitteilung. Auch kritisieren sie, dass der Erdgas-Boom die Energiewende behindern würde, indem sie erneuerbare Energieträger aus dem Strommix verdrängen würden. Eine Kurzstudie des Umweltbundesamts zeigt, dass auch durch Verflüssigung, Transport und Regasifizierung Treibhausgase entstehen. Dennoch sind, laut dieser Studie, die Gesamtemissionen von LNG und Erdgas allgemein in der Regel geringer als die von erdöl- und kohlebasierten Energieträgern.

Ob das Terminal wirklich in Brunsbüttel gebaut wird, muss aber erst noch entschieden werden. Dazu haben die Investoren noch zwei Jahre Zeit, dann läuft die gesetzte Frist der Stadt ab. Die Besetzer:innen wollen mit ihrem Protest aber nicht warten bis die ersten Baumaschinen anrücken, sondern wollen schon jetzt „die Sache in die eigenen Hände nehmen“ und mit der symbolischen Besetzung ihre Botschaft deutlich machen. Sie wollen zeigen, dass mit Widerstand und Besetzungen zu rechnen ist, wenn die Pläne für das Terminal umgesetzt werden. Die Besetzung soll bis Mittwoch andauern, dann wollen die Besetzer:innen freiwillig gehen. Die Polizei schaute immer wieder vorbei, ließ die Besetzer:innen aber machen. Die Aktivistinnen berichteten, dass die Polizei ihnen sogar ein Banner zurück brachte, das wohl über der nahegelegenen Straße hing und aus Sicherheitsgründen abgebaut werden musste.